Lebensversicherungs-Branche im Umbruch

Wegen Niedrigzinsen

Lebensversicherungs-Branche im Umbruch

Lange Zeit galt die Kapitallebensversicherung als das Produkt für die Altersvorsorge. Doch viele Versicherte erhalten weniger als erhofft. Die Branche steckt - geplagt von Niedrigzinsen - im Umbruch.

Niedrigzinsen und strengere Kapitalanforderungen machen Lebensversicherern das Leben schwer. Manch einer sieht schon das Ende der klassischen Kapitallebensversicherung nahen. Klar ist, die Branche muss sich etwas einfallen lassen.

Lohnt sich das Geschäft mit der klassischen Lebensversicherung noch?
Zuletzt haben der deutschen Finanzaufsicht BaFin zufolge sieben Unternehmen das Neugeschäft mit Lebensversicherungen ganz oder teilweise eingestellt. Andere bewerben den Klassiker der Altersvorsorge nicht mehr aktiv. Die Unternehmen stellten sich die Frage, ob das Produkt in Niedrigzinszeiten noch finanzierbar sei, sagt Lars Heermann von der Branchen-Ratingagentur Assekurata. "Es gibt aber auch Anbieter, die sich bewusst zu dem klassischen Produkt bekennen." Christian Badorff, Versicherungsexperte bei der Ratingagentur Standard & Poor's sieht es so: "Das Geschäft mit klassischen garantierten Kapital- und Rentenversicherungen ist für die Unternehmen weniger attraktiv als jenes mit Sparprodukten ohne Garantiezins oder mit biometrischen Produkten, zum Beispiel Risikolebensversicherungen".

Was ist das Problem der Branche?
Die Unternehmen müssen die versprochenen Garantiezinsen von 4 Prozent aus Altverträgen klassischer Lebensversicherungen erwirtschaften. Wegen der niedrigen Zinsen an den Kapitalmärkten werfen festverzinsliche Papieren, in das Geld der Unternehmen vor allem steckt, aber kaum noch etwas ab.

Lohnt sich die klassische Lebensversicherung für Verbraucher?
"Für Kunden mit alten Verträgen, ist es ein gutes Investment. Für Neukunden ist der Wert der Garantien momentan schwer einzuschätzen. Eine langfristige Garantie mit kurzfristigen Renditen anderer Anlageprodukte zu vergleichen, macht wenig Sinn", sagt Frank Schepers, Branchenexperte bei der Unternehmensberatung Towers Watson. Wer noch eine alte Polizze mit einer Zinsgarantie von vier Prozent besitzt, bekommt diese hohe Rendite allerdings meist nur noch gutgeschrieben, weil der Versicherer die Überschüsse bei den übrigen Kunden kürzt.

Wie geht es weiter mit den Renditen?
Der Garantiezins für Neuverträge dürfte im kommenden Jahr auf wahrscheinlich 1,25 Prozent von derzeit 1,75 Prozent zurückgehen. Hinzu kommt die freiwillige Überschussbeteiligung, die ebenfalls rückläufig ist. Bei Vertragsende bekommen Kunden noch den Schlussüberschuss und die Beteiligung an den Bewertungsreserven. Nach Angaben der Branche liegt die Gesamtverzinsung für ausgezahlte Verträge derzeit bei durchschnittlich knapp über 4 Prozent. Verbraucherschützer bemängeln, dass die Abschluss- und Vertriebskosten in den ersten Jahren vom eingezahlten Kapital abgezogen werden. Wenn der Vertrag vorzeitig gekündigt wird, lägen die Rückzahlungssummen oft weit unter den eingezahlten Beträgen, kritisiert der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV). Auch aus Sicht Schepers muss die Branche das Modell überarbeiten. "Die Provisionen sollten stärker über die Laufzeit des Vertrages gestreckt werden". Generell seien die Abschlusskosten zu hoch.

Was sagt die Versicherungsaufsicht?
Chef-Versicherungsaufseher Felix Hufeld von der BaFin fordert Produktinnovationen und mahnte jüngst in der "Welt am Sonntag": "Ein komplettes Ausweichen der Branche auf Fondspolizzen, sähe ich sehr kritisch, da hier das Investitionsrisiko weitestgehend auf den Anleger abgewälzt wird".

Was macht die Branche?
Erste Anbieter haben Produkte ohne lebenslangen Garantiezins auf den Markt gebracht. Zugesichert werden nur der Erhalt der eingezahlten Beiträge und später eine Mindestpension. Den Rest bestimmt das Umfeld an den Kapitalmärkten. "Die Produkte sind im Gegensatz zur klassischen Lebensversicherung im Kern so unterschiedlich ausgestaltet, dass man sie hinsichtlich der Rendite nicht mehr unmittelbar vergleichen kann", sagt Heermann. "Ich habe Sorge, dass die Vielfalt die Verbraucher abschreckt". Positiv ist aus seiner Sicht, dass die Produkte flexibler sind als häufig die klassische Lebensversicherung. "Verbraucher können den Sparbeitrag während der Laufzeit verändern, oder Kapital entnehmen."

Was plant die deutsche Regierung?
Die Kunden sollen künftig am Vertragsende geringer an Kursgewinnen festverzinslicher Wertpapiere, den sogenannten Bewertungsreserven, beteiligt werden. Derzeit erhalten sie 50 Prozent dieser Reserven, die anteilig auf ihre Lebensversicherung entfallen. Im vergangenen Jahr waren das 2,8 Milliarden Euro. Dieses Geld fehle den Kapitalerträgen für alle übrigen Versicherten, das seit 2008 geltende System sei daher ungerecht, argumentiert die Branche. Kritiker wie der Bund der Versicherten sprechen hingegen von einem Hilfspaket für die Unternehmen zulasten der Versicherten, die weniger Geld bekämen.

Wie wirken sich die schärferen Kapitalanforderungen aus?
Hufeld rechnet wegen der verschärften Kapitalregeln namens Solvency II mit Milliardenlasten für die deutschen Lebensversicherer. Zwar gibt es eine längere Übergangsfrist. Doch bereits zum 1. Jänner 2016 müssten die Unternehmen eine bestimmte Summe zusätzlicher Eigenmittel aufbringen. "Das könnte einen zweistelligen Milliardenbetrag erreichen", sagte Hufeld der "Börsen-Zeitung".

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