17. März 2010 09:18
Mit der Strukturreform 2004 seien die ÖBB in die "schlimmste überhaupt
vorstellbare Situation" getrieben worden, prangert Haberzettl die Bahnreform
der schwarz-blauen Regierung an. Die zahlreichen Beschwerden von Kunden an
der Bahn zeigten das Strukturproblem auf: "Wenn Unanständigkeiten im
Betriebsalltag zur Regel werden, sind das Managementfehler". Es gebe gar
keine Möglichkeiten mehr, flexibel auf Zugverspätungen oder andere Probleme
zu reagieren, weil bei Personal und Betriebsmitteln zu viel gekürzt worden
sei: "Hier wurde am falschen Platz gespart".
"Erste Führungsebene wurde versechsfacht"
Sparen will Haberzettl hingegen bei der stark gewachsenen Führung: Durch die
Reform 2004 habe sich die Zahl der ÖBB-Manager in der ersten Führungsebene
versechsfacht, kritisiert er. Die Köpfe der ersten Führungsebene sollten um
40 % reduziert werden. Durch die Reform entstandene Doppelgleisigkeiten
seien noch lange nicht beseitigt: Durch die Wieder-Zusammenführung der
Infrastruktur Bau und der Infrastruktur Betrieb gebe es dort nun alle
Strukturen doppelt, das sei auch eine Aufgabe für den "internen
Arbeitsmarkt".
Die Kritik am niedrigen Pensionsantrittsalter bei den ÖBB will der
Gewerkschafter so nicht im Raum stehen lassen. "Huber und Nigl waren die
fleißigsten Zwangspensionierer der ÖBB", verweist er auf den Ex-Bahnchef und
den früheren Personalchef der Bahn. So seien Mitarbeiter in Pension
geschickt worden, die Leistungen dann privatisiert und die Arbeit privat
vergeben. Auch sei die frühe Pension für die Betroffenen finanziell kein
gutes Geschäft: Wer etwa mit 52 in den Ruhestand geschickt werde, habe 17-20
% Abschläge auf die Pension zu verkraften - und zwar auf ewig. Die neue
Vorgabe von Infrastrukturministerin Bures, das Pensionsantrittsalter bei der
Bahn jährlich um ein Jahr anzuheben, hält Haberzettl für durchaus machbar.
Interner Arbeitsmarkt statt Zwangspensionierungen
Einem internen Arbeitsmarkt auch für Beschäftigte im mittleren Alter kann
Haberzettl viel abgewinnen. Es fehlten sogar Facharbeiter, etwa im
Gleisbaubereich, wo rund 300 Mitarbeiter mit gleisbau-spezifischer
Ausbildung gebraucht würden. Um die Motivation macht sich der Gewerkschafter
keine Sorgen, denn die Zeit der unkündbaren Bahn-Bediensteten gehe ohnehin
dem Ende zu. Mit Motivationsgesprächen könnten Mitarbeiter in Bereichen, wo
durch technische Entwicklung und Rationalisierungen weniger Leute gebraucht
würden, sicher von einem Wechsel in eine zukunftsträchtigere Sparte
überzeugt werden.
In der Konkurrenz durch Privatbahnen sieht der Bahngewerkschafter keine
Gefahr für die ÖBB. Bei den Regionalbahnen gebe es Interesse von Privaten
und auch öffentlichen Verkehrsanbietern - doch hier ziehe sich die
Bundesbahn ohnehin teilweise zurück. Ein Wechsel von Bahn zu Bus habe aber
neben der verkehrspolitischen auch eine weitere Konsequenz: Der Güterverkehr
werde eingeschränkt, in besseren Zeiten eine Cash-cow der Bahn.
Kern hoffentlich "Vielverdiener, der es wert ist"
Die Rolle des Koalitionspartners sieht der SPÖ-Politiker differenziert: Die
Kür des künftigen ÖBB-Vorstandschefs Christian Kern, Wunschkandidat der
Sozialdemokraten, sei im Aufsichtsrat einstimmig erfolgt - auch mit den
Stimmen des ÖVP-Freundeskreises - und die Industriellenvereinigung habe dem
Verbund-Manager Kern fast Rosen gestreut. Dies könne "ein neuer
konstruktiver Anfang" werden, meint Konzernbetriebsratschef Wilhelm
Haberzettl.
Andererseits wolle die ÖVP den Güterverkehr privatisieren und mache auch in
anderen Bereichen Druck auf die Privatisierung - eine Teilprivatisierung des
Güterverkehrs wäre aber aus Sicht Haberzettls "grob fahrlässig". In besseren
Zeiten würden hier die besten Erträge erwirtschaftet. Haberzettl vermisst
überhaupt ein Grundsatzbekenntnis des Koalitionspartners zur ÖBB - die ÖVP
solle sich endlich zur "Anerkennung des eigenen Kindes" durchringen.
Dass Kern um 100.000 Euro mehr verdienen soll als sein Vorgänger Peter
Klugar, scheint für Haberzettl kein Problem zu sein. Erstens sei Klugar
"kein Fettverdiener" gewesen, zweitens hofft er, dass der
Noch-Verbund-Vorstand ein "Vielverdiener ist, der es wert ist".
Pflegegeld: Zahlen aus der Luft gegriffen
Die von Finanzstaatssekretär Lopatka geforderten 400 Mio. Euro an
Aufwandsersatz für Pflegegeld sind für den Bahngewerkschafter "völlig aus
der Luft gegriffen". Die ÖBB hätten vom Bund lediglich 100 Mio. Euro "oder
geringfügig weniger" zu viel kassiert. Der Rechnungshof geht von 115,7 Mio.
Euro aus. Haberzettl ist "sehr verwundert, dass sich der Staatssekretär auf
einmal so kritisch äußert", immerhin sei seit 1993 jedes Monat mit dem
Finanzministerium abgerechnet worden. Man müsse das Thema "juristisch
ausfechten".
Auch die seit Inkrafttreten des Bundesbahnstrukturgesetzes 2003 vom
Finanzressort vertretene Ansicht in puncto Freifahrten für Mitarbeiter hält
er für "schwachsinnig". Das Ministerium betrachte nämlich nur mehr die
ÖBB-Personenverkehrs AG und die Postbus GmbH als Verkehrsunternehmen. Das
habe zur Folge, dass beispielsweise die zur Traktion gehörenden Lokführer
die Fahrbegünstigung versteuern müssen, Zugbegleiter aber nicht.
Nicht realistisch ist für den ÖBB-Betriebsratschef die von mehreren Seiten
erhobene Forderung, die Politik solle sich aus den ÖBB mehr heraushalten.
Der Bund sei der größte Besteller im gemeinwirtschaftlichen Bereich, die
Infrastruktur werde zum Großteil vom Staat finanziert, erinnert er.
Die vom ÖBB-Aufsichtsrat angestrebte Stärkung der Bahn-Holding begrüßt
Haberzettl - vor allem im Hinblick auf auf mehr Kunden- und weniger
Bauorientierung. "Es muss diskutiert werden, wie weit die
Entscheidungskompetenz der Holding geht."
Kritisch äußerte sich Haberzettl erneut zu den Prestigeprojekten der ÖBB.
Eine "zentrale Frage" sei etwa, ob man den Brenner-Basistunnel braucht - aus
seiner Sicht wird dieser nur für den Transit gebaut. Wegen des Lochs im
Staatshaushalt werden im Verkehrsministerium momentan alle Projekte neu
überdacht. Der Rahmenplan 2010 bis 2015 dürfte massiv abgespeckt werden.