18. Februar 2010 12:22
Auch geraten die Kosten der für das Areal vorgesehenen Standseilbahn in die
Kritik. Der RH zweifelt deutlich an der momentan geplanten U2-Verlängerung
vom Karlsplatz über den Rennweg, das Entwicklungsgebiet St. Marx in das
Areal südlich des Hauptbahnhofes. Die Variante, die mit einem Unterfahren
von Botschaftsarealen verbunden wäre, sei zumindest zeitaufwendiger in der
Planungs- und Baudurchführung, "falls sich die Trassenführung
nicht technisch überhaupt als undurchführbar erweisen sollte.
Die mit 669 Mio. Euro bezifferten Gesamtbaukosten werden daher nach Ansicht
des RH voraussichtlich weiter ansteigen." Auch sei bei dieser geplanten
Trassenführung die "Erschließungswirkung" zu gering, da
das rechnerische Verhältnis von Einwohnern zu Arbeitsplätzen nur bei 1,05
liege, "und damit deutlich unter dem anzustrebenden Wert von 3,0".
Es könnten also schlicht zu wenig Passagiere vorhanden sein.
U2-Anbindung präferiert
Die Anbindung des Hauptbahnhofs an die U2 träfe beim RH hingegen durchaus
auf Verständnis: "Dennoch wäre nach Ansicht des RH auch die
benutzerfreundliche Anbindung der U2-Verlängerung an den künftigen
Hauptbahnhof unter der Vorgabe, vorhandene Linien des öffentlichen Verkehrs
und wichtige Umsteigekontenpunkte zweckmäßig zu vernetzen, zu verstehen
gewesen." Eine Alternative wäre nach Ansicht des Rechnungshofs die
Schaffung einer Linie U5 zwischen Hernals und Gudrunstraße und der Führung
der U2 Richtung Inzersdorf. Auch so seien "Überlastungserscheinungen"
auf U1 und U6 zu vermeiden. Die Schlussfolgerung des Rechnungshofs: "Der
RH empfahl, den Ausbau des U-Bahn-Netzes im Sinne eines Gesamtkonzeptes
anhand von Kosten- und Wirksamkeitskriterien nochmals zu überdenken."
Auch die bisherige Konzeption der Anbindung des Hauptbahnhofs an die U1 mit
der Station Südtiroler Platz wird kritisch hinterfragt. Zwar sei das
Heranrücken des Bahnhofes an die U1-Station gut, "dennoch
bewertete der RH die verbleibenden Gehzeiten von rund sechseinhalb Minuten
als vergleichsweise hoch", heißt es in dem Bericht.
Auch hätten die Kosten der dafür vorgesehenen Passage nach einer
Machbarkeitsstudie der MA 18 aus dem Jahr 2004 noch 35,5 Mio. Euro betragen, "doch
gab der RH zu bedenken, dass deren Kosten mit Stand 2009 bereits auf 95,27
Mio. Euro geschätzt wurden."
Kritik an Standseilbahn
Ebenso bekommt der geplante Automated People Mover (APM), also die
Standseilbahn, vom RH sein Fett weg. So weise dieser hohe Errichtungs- und
Betriebskosten auf und im Gegenzug einen geringen Kostendeckungsgrad.
Allerdings hätten sich die ÖBB gegenüber der Erste Bank, die am Areal ihre
Zentrale errichten wird, vertraglich gebunden. "Ohne die vertragliche
Verpflichtung, entweder die S-Bahn-Station Südbahnhof zu ertüchtigen oder
ein leistungsfähiges alternatives öffentliches Verkehrsmittel zu schaffen,
riet der RH im Hinblick auf die ohnedies gegebene hohe Erschließungsqualität
sowie auf das hohe Kosten- und Terminrisiko von der Errichtung eines APM ab."
Schließlich könne es angesichts eines zu überwindenden Höhenunterschieds von
21 m auch zu "Stauerscheinungen" und "unattraktiven
Umsteigezeiten" kommen.
Die Grünen sehen sich bestätigt. Auch der RH rate von der Errichtung eines
APM ab, betonte Verkehrssprecherin Ingrid Puller: "Weitaus
kostengünstiger und effizienter können rund um den neuen Hauptbahnhof
öffentliche bestehende Verkehrsverbindungen, durch Ausbau, Verlängerungen
und Bevorzugsmaßnahmen attraktiver gestaltet und geschaffen werden, als
durch diese Mini-Metro in Hochlage." Auch Sicherheitsbedenken äußerte
die Grün-Politikerin: "Außerdem würde es zu gefährlichen
Situationen kommen, in den ohnedies schmalen und engen Bahnsteigen der U1
Südtirolerplatz."
Wien reagiert befremdet
Die RH-Kritik hat Verkehrsstadtrat Rudolf Schicker verärgert zurückgewiesen: "Wir
haben wenig Verständnis dafür, dass sich ein Kontrollorgan zu einem
Planungsorgan entwickelt. Hier maßt sich der Rechnungshof etwas an, das
nicht in seiner personellen Ausstattung Niederschlag findet." Man könne
dies nur als politische Aussagen deuten.
Auch die faktische Kritik des RH entbehre in den meisten Fällen der
Grundlage. Die Prognose, dass die Kapazität der U1 nicht ausreiche, werde
nicht eintreffen: "Wir haben solche Unkenrufe auch bei der U6 gehört."
Diese bewähre sich aber in Zeiten des Hauptbahnhof-Provisoriums am Standort
Meidling: "Die rein rechnerische Überlegung ist immer anders zu sehen
als die Praxis." Derjenige, der glaube, dass Kapazität bedeute, dass
immer alle einen Sitzplatz in der U-Bahn hätten, der müsse ins Taxi
umsteigen. Auch ziehe der RH weder die S-Bahn-Anbindung, noch den D-Wagen in
seine Überlegungen mit ein.
Die Zweifel des RH, ob die geplante U2-Trasse unterhalb des
Diplomatenviertels technisch überhaupt machbar sei und falls ja, ob der
Kostenrahmen von 669 Mio. Euro halte, hält Schicker ebenfalls für
unbegründet. Der Trassenführung seien lange Verhandlungen mit dem
Co-Finanzier Bund vorausgegangen: "Die Republik Österreich wird sich
wohl auch überlegt haben, wie das künftige Wiener U-Bahn-Netz gestaltet
werden soll."
Die Generalplanung zur U2-Trasse sei noch nicht
abgeschlossen, aber jetzt sei schon klar: "Technisch ist die
Trassenführung machbar, inwieweit der Betrag hält, kann ich jetzt noch nicht
sagen."
Die Conclusio ist für Schicker eindeutig: Man schaue sich alle Punkte des RH
an, "aber eine Führung der U1 noch näher zum Hauptbahnhof ist technisch
nicht herstellbar, und eine U2-Orientierung am Hauptbahnhof ist aus
planerischen und technischen Gesichtspunkten nicht sinnvoll - daher wird das
auch nicht kommen."
Kein Verständnis für U5-Vorschlag
Die Anregung des RH, die noch nicht existente Linie U5 zu bauen, nahm der
Verkehrsstadtrat ebenfalls befremdet zur Kenntnis: "Hier ist das, was
der Rechnungshof tut, in der Nähe der Fahrlässigkeit." In
dieser Frage seien überhaupt noch keine Details wie Besitzverhältnisse oder
Geologie geklärt.
Wenig Verständnis zeigte Schicker auch für die Bemängelung des 350 m langen
Weges zwischen Hauptbahnhof und der nächsten U1-Station am Südtiroler Platz: "Plan
lesen, Unterlagen anschauen, vielleicht selbst die Distanz abgehen, dann
kommt man drauf: Die U-Bahn fährt natürlich dorthin." 350 m
seien im internationalen Schnitt sehr gut. Beim alten Südbahnhof habe man 10
Minuten von Bahnsteig zu Bahnsteig benötigt, in Zukunft 6,5.
Und überhaupt eigen sei die Kritik des RH an der geplanten Standseilbahn,
der er zu hohe Kosten und einen zu geringen Deckungsgrad beschieden hatte. "Ich
kann überhaupt nicht verstehen, wieso ein Rechnungshof in einer so frühen
Phase derart geharnischte Kritik auffährt." Man prüfe derzeit
sorgsam und intensiv.