16. März 2010 12:52
Grund dafür ist, dass viele kleine und mittelständische Anbieter auf den
Google-Werbeserver AdWords, seinen E-Mail-Dienst Gmail und andere Leistungen
zurückgreifen. Diese könnten bei einer Abschaltung der Suchseite google.cn,
die über einen Marktanteil von 35 % verfügt, ebenfalls unterbrochen sein.
Als einziger profitieren würde hingegen vermutlich der Rivale und
Marktführer Baiku, der auf einen Ausbau seines Marktanteils von 60 % hoffen
könnte.
Millionen Handykunden drohen indes ihren Zugang zum chinesischsprachigen
mobilen Google-Map-Service zu verlieren: China Mobile, der mit 527 Mio.
Verträgen größte Mobilfunkanbieter der Welt, nutzt Google für seine
Suchfunktion und den Routenplaner. Unsicher wäre auch die Zukunft des
beliebten Gratis-Musikportals Top100.cn, auf das Nutzer nur über Google.cn
zugreifen können und das nach Ansicht von Experten maßgeblich zum Kampf
gegen Musikpiraterie beiträgt. Auch ob Google sein eigenes Handyunternehmen
weiterführen würde, ist fraglich.
Dennoch drohen dem US-Konzern im Fall des Weggangs kaum Verluste. Der
Großteil der Einnahmen von Google in China, die im vergangenen Jahr auf 300
Mio. Dollar geschätzt wurden, stammt von exportorientierten Unternehmen, die
ihre Werbung auch nach einer Schließung von Google.cn auf ausländischen
Seiten der Suchmaschine belassen würden. "Wir gehen davon aus, dass der
Großteil der Einnahmen weiter fließen und die Werbung auf Google.com statt
auf Google.cn gelistet würde", sagte Yu.
Auch auf die Entwicklungsfreude der chinesischen Konkurrenten könnte sich
ein Wegfall von Google nach Ansicht des Experten negativ auswirken. Ohne den
entsprechenden Wettbewerbsdruck würden einheimische Suchmaschinen wie Baidu
vermutlich nicht mehr besonders intensiv in Forschung und Entwicklung
investieren. "Das ist definitiv schlecht für chinesische Firmen, die eines
Tages einmal ins Ausland gehen wollen", erklärte Yu.
Noch ist das Ausmaß der drohenden Google-Schließung völlig offen. Allerdings
erklärte der Konzern am Wochenende laut Zeitungsberichten, man sei wegen der
festgefahrenen Gespräche über die chinesischen Zensurbestimmungen zu "99,9
%" zum Rückzug entschlossen. Dies wäre ein herber Schlag für die
chinesischen Nutzer, denen bereits der Zugang zu Facebook, YouTube und
Twitter verwehrt ist.
In der vergangenen Woche hatte die chinesische Regierung noch einmal Härte
im Streit mit Google demonstriert. Der Internetkonzern müsse sich an die
Gesetze halten oder die Konsequenzen ziehen, sagte der Minister für
Industrie und Informationstechnik, Li Yizhong. Google hatte Mitte Jänner
Überlegungen öffentlich gemacht, sich nicht länger den Zensurregeln in China
zu unterwerfen und sich aus dem dortigen Markt zurückzuziehen, nachdem
Hacker E-Mail-Konten von chinesischen Bürgerrechtlern bei Google angegriffen
hatten.
In chinesischen Zeitungsberichten hieß es bereits, Google habe aufgehört,
sich an die Zensurregeln zu halten und stehe unmittelbar vor der Schließung
von Google.cn. Google-Sprecher Scott Rubin dementierte dies jedoch und
erklärte: "Wir haben unsere Geschäfte in China nicht geändert."